Bye Bye Pavilleon

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Im ehemaligen Tickethäuschen auf dem Zürcher Werdmühleplatz hat sich der «Pavilleon» zwischen dem Frühling 2016 und dem Herbst 2018 als vielfältiger, unkommerzieller Möglichkeitsraum etabliert: Tagsüber als Gegenpol zur Geschäftigkeit der Bahnhofstrasse und der Amtshäuser, nachts als Lichtblick in der verwaisten Innenstadt.

Initiiert wurde dies durch das Tiefbauamt, welches den Kultur-Pavillon als Zwischennutzung im Gebrauchsleihvertrag an die beiden Vereine zURBS und Nextzürich abgab. Und ermöglicht wurde dies auch durch das Engagement und das Netzwerk der beiden Zürcher Vereine Nextzürich und zURBS (welcher sich alsbald zu “Verein Pavilleon” umbenannte). Im November 2018 endete die Zwischennutzung.

Hiermit möchten wir auf die vergangenen 2,5 Jahre zurückschauen:  

Zwei- bis dreimal wöchentlich öffnete der Pavilleon seine Türen zum Spielen, Diskutieren, Ausprobieren, Scheitern, voneinander Lernen, sich Austauschen, Musizieren, zusammen Kochen und Essen, neue Menschen oder Ideen Kennenlernen…

Der thematische Fokus blieb dabei meist die Stadtentwicklung sowie die Stadt Zürich als Alltagsraum und als Verhandlungsraum – mal sehr konkret und sachlich, mal künstlerisch interpretiert, mal spielerisch über drei Ecken oder mitten aus dem Leben, aber stets einladend und möglichst niederschwellig.

So wurde der Pavilleon zu einem lebendigen Treffpunkt für Passanten, Kunstinteressierte, Stadtkritikerinnen und Stadtenthusiasten und alle, die es werden möchten.

Wie alles begann…

Es waren einmal zwei Vereine: zURBS und Nextzürich.

zURBS hat sich seit 2011 der Stadt auf künstlerische Weise gewidmet, hat Spaziergänge, Spiele oder Performances initiiert, die sich mit der Wahrnehmung und Imagination von Stadtraum – in Zürich und anderswo.

Nextzürich hat seit 2013 konkrete Ideen für die Entwicklung der Stadt Zürich gesammelt, damit weiter gearbeitet, Info-Anlässe und Workshops organisiert, und Konzepte geschrieben.

Und dann kam das Jahr 2016: Es begann mit einem Glas Neujahrs-Prosecco und einer Idee: nämlich, dass sich die beiden Vereine gemeinsam auf die Ausschreibung zur Zwischennutzung des Kulturpavillons auf dem Werdmühleplatz bewerben könnten, um dort eine Art Stadtlaboratorium, Spiel- und Diskussionsraum zu eröffnen. Wenige Wochen später wurde ebendiese Bewerbung an das Tiefbauamt der Stadt Zürich adressiert, noch ein paar Wochen später sassen wir bei Stadtrat Filippo Leutenegger im Büro (mit direktem Blick auf den Pavillon), und nur wenige Minuten später bekamen wir die telefonische Zusage. Da wurde uns doch etwas mulmig im Bauch: Eine zweijährige Verpflichtung, das kam uns vor wie heiraten – bloss ohne Mitgift, denn Budget hatten wir keines. Aber 21 Quadratmeter Raum und etwas Umschwung, mitten in der Stadt – wer würde da Nein sagen! Also packten wir es an:

Über den Sommer wurde fleissig umgebaut und renoviert, es wurden Mitspieler*innen und Projektpartner*innen gesucht und das Programm angeplant. Das Projekt und somit auch der Raum wurden schliesslich «Pavilleon» genannt (merke: Ville für Stadt) und der Verein zURBS benannte sich in Verein Pavilleon um und übernahm die organisatorischen und administrativen Aufgaben.

 

Das Programm

Dieser Pavilleon wurde dann an einem wunderbaren Sommertag Ende August 2016 feierlich eröffnet und füllte sich sofort mit Leben.

In den 2,5 Jahren fanden rund 200 unterschiedlichste Veranstaltungen, Experimente, Festivals und Residencies statt: Manche kurz und spontan, manche mehrere Tage oder Wochen lang und von langer Hand geplant; manche organisiert vom Verein Pavilleon selbst, andere vom Verein Nextzürich, wieder andere von vielen weiteren Mitspieler*innen. Der Verein Pavilleon fungierte dabei stets als gute Seele im Hintergrund, stellte Raum und Infrastruktur zur Verfügung, machte die Bar, half beim Marketing mit etc. – oder unterstützte die Gäste auch mal mit einem kleinen finanziellen Zustupf.

Besonders hervorzuheben sind folgende Programmpunkte:

Nextzürich widmete sich in Diskussions- und Workshopformaten zu brennenden Fragen in der Stadtentwicklung vor allem zwei Themen: Dem Freiraum – mit mehreren Inputvorträgen und einem spielerischen Speeddating-Abschluss – und der Verdichtung: mit einem vollen Programm aus Inputvorträgen und Workshops. Daraus entstand mitunter ein Verdichtungs-Kartenspiel, welches nun zu einem Verdichtungs-Brettspiel weiterentwickelt wird, bald in Produktion geht und dann öffentlich verfügbar sein wird.

Der Verein Res Publik hielt im Pavilleon diverse Stammtisch-Diskussionen ab und organisierte einen Spaziergang. Die Placemaking-Plattform Stadt Statt Strand lud zu zwei «Urban Shorts», also zu urbanen Kurzfilmfestivals. Gemeinsam haben die beiden Initiativen Ende August das Bänkli-Bau-Festival «Hansbank in allen Gassen» ausgerichtet, mit einer grossen Werkstatt auf dem Werdmühleplatz, wo rund 250 Teilnehmende ihre eigene Bank bauten.

Die Künstlerin Linda Neukirchen (Linda Luv) lud regelmässig zu Food Sharing Dinners ein, an denen sie Food Waste zu feinen Delikatessen verarbeitete, und alle extra oder zufällig vorbeikommenden Hungrigen damit satt und glücklich machte. Aus diesem Engagement entstand schlussendlich das Projekt «Iss mit…», eine mobile Gassenküche, die im Herbst 2018 im Rahmen des Reformationsjubiläums der Stadt Zürich durch Zürich zog und an diversen öffentlichen Plätzen Mahlzeiten kochte und verteilte. Der Pavilleon diente dieser mobilen Küche als Werkstatt, Ausgangspunkt und Lagerraum, wo auch mal der ein oder andere Kuchen vorgebacken oder ein Rad repariert wurde.

Rund 30 Mal hatte im Pavilleon ganz- oder halbtägig ein Infodesk für geflüchtete Menschen geöffnet. Betrieben war der Infodesk vom Verein LAYLAK. LAYLAK hat ausserdem zusammen mit dem Fachverein Islamwissenschaft von der Uni Zürich mehr als zehn Mal ein Sprachcafé im Pavilleon organisiert: einen Sprachaustausch für Neuankömmlinge und Alteingesessene, arabische und deutsche Muttersprachler*innen, mit Café und manchmal mit Grill.

Das Stadtmagazin Tsüri.ch nutzte den Pavilleon mehrfach als Sitzungsraum aber auch für Veranstaltungen oder als Ausgangspunkt von Stadtspaziergängen.

Das Fundbüro2 – ein Lost & Found für Immaterielles, als Pendant zum benachbarten Fundbüro und initiiert vom Verein Kulturbande – hatte 8 mal am Samstag Nachmittag geöffnet, unter anderem mit den Gastbeamt*innen wie Jaqueline Fehr, Thomas Meyer, Simon Chen, Susanne Kunz, Michèle Binswanger, Anne Sophie Keller etc. Ausserdem veranstalteten Patrick Bolle und Andrea Keller vom Fundbüro2 im Juli 2017 auf dem Werdmühleplatz ein grosses Sommerfest. Im Herbst 2018 erschien dazu im rororo-Verlag das Buch «Guten Tag, haben Sie mein Glück gefunden?» mit gesammelten Meldungen.

 

Mehrfach wurde der Pavilleon für eine Woche oder länger an Residencies vergeben:
Zwei Mal an die Doktorantin Antonia Steger mit ihrem werdlabor.live, um Interaktionen im öffentlichen Raum zu erforschen.
Oder an Marie-Anne Lerjen von lerjentours für das temporär eingerichtete Spazierbüro.
Oder an Anna Graber für das Café des Visions, welches Tee ausschenkt und von der Bevölkerung Wünsche einsammelt.
Im August 2017 kam die Raumstation Weimar zu Besuch, erforschte eine Woche lang den Werdmühleplatz, und eröffnete am Ende die sogenannte «AgenTour» und bot öffentliche Führungen über den Platz an.
2018 kam das Hidden Institute aus Berlin/Hamburg/Wien zu Besuch, und erforschte vom Pavilleon aus die Frage nach möglichen urbanen Experimentierflächen.
Das Kollektiv zURBS besetzte den Pavilleon mehrfach für die Produktion eines Audiowalks durch den Kreis 1, der sich mit der Entstehung und der Teilhabe an der Entstehung von Stadträumen beschäftigte.

 

Im Februar 2017 tat sich eine Gruppe  von engagierten Mitspieler*innen des Pavilleons zusammen, um das Kamikaze Mic zu veranstalten: ein Mini Winter Musik Festival. Das machte ihnen (und uns allen) so viel Spass, dass daraus Anfang Sommer die Willa Werd entstand – eine Veranstaltungsreihe mit einer ganz eigenen, schrägen und lebensbejahenden Einstellung, die fortan im Pavilleon ihr Wesen und Unwesen trieb: mit Tupperware & Karaoke, mit dem Speed-Kitsch-Tausch-Dating zum Kleidertauschen, mit einem Abend voller Lesungen von schlüpfrigen Texten, mit einer Ausstellung hässlicher Architekturen, mit Grill & Silent Discos, mit diversen lustigen, schönen und ausgelassenen Konzerten und Parties…

 

Auch für andere Initiativen, Vereine und Kollektive war der Pavilleon ein Raum, den man jederzeit unkompliziert nutzen konnte. So entstanden dort Theaterproduktionen, Ausstellungen, Videomaterial, Bücher, so wurde der Pavilleon zum Ausgangspunkt von Spaziergängen, Stadtführungen, Schnitzeljagden… Oder es wurden Wohnzimmerkonzerte veranstaltet mit lokalen Künstler*innen, in Zusammenarbeit mit Remo & Carina vom Atelier unendlich&eins.

Im April 2017 wurde der Pavilleon sogar komplett und grossmaschig eingestrickt – im Zeichen der Fashion Revolution, die für nachhaltige Mode kämpft.

Im November/Dezember nahm jeweils der Weihnachtsmarkt den Werdmühleplatz in Beschlag und der Pavilleon machte vor allem Pause – mit wenigen Ausnahmen, wie zum Beispiel Nextzürich-Glühwein-Veranstaltungen.

Nicht zuletzt war der Pavilleon auch regelmässig ein Ort für Lehre und Wissenschaft: Die ZHdK nutzte den kleinen Space genauso wie die HKB aus Bern, das NSL der ETH kooperierte mit dem Pavilleon und veranstaltete Transfer Talks, an denen Doktorierende ihre Themen weiter unterhalb des akademischen Elfenbeinturms präsentieren durften. Eine Studierendengruppe der Bauhaus-Universität Weimar nutzte den Pavilleon als Ausgangspunkt und Forschungsbasis.

Einmal hat der Pavilleon auch ganz viel Kuchen gebacken und allen benachbarten Läden, Banken, Büros und Ämtern etwas vorbeigebracht und sich kurz vorgestellt: Hallo, wir sind die neuen Nachbarn!

 

Was bleibt?

All das, was wir dank dem Pavilleon lernen durften.

Sehr viele schöne Erinnerungen, ein engagiertes Netzwerk an Kompliz*innen, neue Freundschaften und Liebesgeschichten.

Eine Bachelorarbeit zum Netzwerkpotential von Zwischennutzungen, am Beispiel vom Pavilleon, von Anna Brückmann.

Den Verein Pavilleon gibt es weiterhin – er sucht neue Orte, um Möglichkeitsräume für Initiativen und Experimente zu eröffnen. Wer was weiss, darf sich gerne melden!

Nextzürich macht natürlich weiter wie bisher: mit Arbeit und Programm, um die Vermittlung städtischer Themen, den Wissensaustausch zwischen Akteur*innen und die Teilhabe an der Stadtentwicklung in Zürich stärken.

Neu dazu gekommen ist die Urban Equipe: Aus der Arbeit bei Nextzürich und im Pavilleon heraus entstand nämlich die Idee, dass wir solche Projekte und Ansätze unterstützen und weiterentwickeln wollen. Gefördert wird die Urban Equipe von Engagement Migros, dem Förderfonds der Migros-Gruppe.

Wir bleiben also dran. Und wir lernen laufend weiter!
Lauf mit uns!

 

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Oder schreib den Initiativen eine Mail, wenn du aktiv mitarbeiten willst 🙂

 

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