Ungelöst: Daten braucht’s für die Smart City. Wie sie schützen?

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Voller Saal bei der Pitch Night im Kosmos (Bild: Markus Nollert)

 

Nach der Halbzeit der Events des Themenmonats zu «Smart City» (nächster Termin 4. Juli: Barcamp: Smarte Politik durch smarte Partizipation?) wagen wir eine erste Bilanz. Die aufregende Pitch Night vom 12. Juni hat uns auf Aspekte sensibilisiert, denen zu wenig Achtung geschenkt werden. Datenschutz ist wohl der Dringlichste.

Am 12. Juni liessen sich im dicht gefüllten Kosmos-Forum sieben Redner*innen auf die Herausforderung ein, in sieben Minuten zu erklären versuchen, was für sie eine smarte Stadt sei. Dies erlaubte es den verschiedenen Akteur*innen auch, die eigene Marke zu präsentieren. So haben wir beispielsweise zum ersten Mal etwas über die technischen Player Dezentrum oder The Things Network erfahren. Die Pitch Night, organisiert von Nextzürich zusammen mit tsüri.ch, zeigte auf, dass an verschiedensten Stellen über die Digitalisierung unserer Städte nachgedacht wird: Zurzeit befassen sich von Stadtbehörden, Bauunternehmen, Kreativen, Wissenschaftler*innen bis zu Wirtschaftstechnolog*innen und Softwareentwickler*innen unterschiedliche Gruppen intensiv mit der digitalen Vernetzung von Systemen und ihrer Auswirkung auf unseren Alltag in Städten.

Grosse Bandbreite an Deutungen zu «Smart City»

Doch inwieweit hat uns der erste Abend der Veranstaltungsreihe weitergebracht? Unsere Vermutung wurde bestätigt, dass es nicht klar ist, wie eine Smart City über all die vielen Facetten hinweg eindeutig definiert werden kann. Die unterschiedlichsten Deutungen des Abends zeigen, wie vielfältig das Verständnis davon ist und die Erwartungen an smarte Städte sind. In unserer Erinnerung hängen geblieben sind folgende Deutungen:

Die Smart City der Zukunft, so die Redner*innen, …

  • … ist dienstleistungsorientiert und für die Einwohner*innen besser zu nutzen (Anna Schindler, Stadtentwicklung Zürich).
  • … hat Häuser und Fahrzeuge, die sich selber gehören und mit uns Menschen kommunizieren (Flurin Hess, Dezentrum).
  • … ist bereits da: wir können uns kostenlos in lokal bereitgestellte Netze ins Internet einloggen (Gonzalo Casas, The Things Network).
  • … kommt in Etappen. Jetzt probieren wir noch in einzelnen Quartieren, was später flächendeckend sein wird (Andreas Tschammer-Osten, Losinger Marazzi).
  • … verliert ihr Gesicht und zeichnet sich durch eine – im negativen Sinne –  homogene Architektur aus (Hans Frei, Architekturtheoretiker).
  • … hat die Ineffizienzen im öffentlichen Verkehr beseitigt. Es gibt keine halbleeren Trams mehr um Mitternacht (Heinz Vögeli, Denkfabrik Mobilität).

oder

  • … kommt doch ganz anders heraus, als sie von ihren Initiant*innen geplant wurde (Monika Dommann, Collegium Helveticum).

Die Bequemlichkeit im Alltag als wichtigste Antriebskraft

Sind wir also nur mit positiven und konstruktiven Erinnerungen aus der Veranstaltung gegangen? Keineswegs. Der Eindruck bleibt,  dass man sich allzu oft auf dem Modewort «Smart City» ausruht. «Smart» scheint das neue «nachhaltig» zu sein. Aber: «Smart» sollte nicht nur bedeuten, nette Apps zu entwickeln, mit welchen kaugummiverschmutzte Gehsteige der Stadt gemeldet werden können oder ich mir den Essensvorrat meines Kühlschranks anzeigen lassen kann. Dies sind zwar schöne Gadgets, die zur Erleichterung des Alltags beitragen, beziehungsweise die Bequemlichkeit im Alltag fördern (etwa indem man sich den Weg zum Amt oder an den Kühlschrank ersparen kann). Allerdings vermögen solche netten Annehmlichkeiten noch lange nicht wirklich hilfreiche Antworten auf die gegenwärtigen Herausforderungen unserer Städte zu geben (wie etwa Wohnungsnot, demographischer Wandel, Migration, Privatisierung des öffentlichen Raums, steigende Mobilität, Verkehrszunahme, Klimawandel, etc.)

Kritiker*innen-Team von Nextzürich
Das Kritiker*innen-Team von Nextzürich: Tim Van Puyenbroeck, Lena Wolfart, Sabeth Tödtli (Bild: Laura Kaufmann)

Offene Fragen gerade rund um Datenschutz ungelöst

Die Menschen und Institutionen besser zu vernetzen hat sicherlich viele Vorteile, die viele von uns heute schon tagtäglich nutzen. Einige der Referent*innen nannten beispielsweise Möglichkeiten, um die Partizipation in der Stadt zu steigern. Viele unserer offenen Fragen wurden jedoch nicht beantwortet. Zum Beispiel, wie mit Aspekten rund um den Datenschutz umgegangen werden kann. Wird die Stadtpolizei bald automatische Bussen verteilen, indem ihr eine App mitteilt, sobald wir per Velo mal wieder bei Dunkelorange noch über die Ampel flitzen? Und was macht ein Investor mit den Angaben zum Energieverbrauch der Kaffeemaschine zuhause?

Das Thema Datenschutz wurde in mehreren Vorträgen angesprochen (spätestens auf Nachfrage), allerdings wurden keine überzeugenden Lösungsansätze vorgeschlagen. Fast schien es, als seien die Redner*innen diesbezüglich selbst ein wenig ratlos. (Logische) Mathematik und Zahlen werden das Problem von sich aus kaum lösen. Ebenso lenkte das Argument eines Immobilienentwicklers, «man müsse die Daten vor Dritten schützen», von der Brisanz des Themas ab, da oft nicht die «Dritten» (die die Daten hacken und verwenden), sondern bereits die «Zweiten« (die die Daten sammeln) das Problem darstellen, wie Facebook und Co. mit der Weiterverarbeitung und Vermarktung von Daten aktuell sehr gut beweisen. Was die Investor*innen mit unseren Daten tun möchten, bleibt im Dunkeln.

Inklusivität oder müssen wir alle ausnahmslos an der Smart City teilnehmen?

Ob wirklich alle an der Smart City teilhaben können – oder bewusst auch nicht – bleibt offen. Ebenso, ob wir alle an ihr teilnehmen müssen, weil wir sonst von vielem ausgeschlossen werden.

Und wie sieht die Infrastruktur einer solchen Smart City für alle aus? Dass sich der öffentliche Raum durch die Digitalisierung verändern wird, ist bereits heute sichtbar. Es ist jedoch noch nicht klar, ob die Smart City genügend Platz für Unvorhergesehenes, ungeplante Nischen und Raum für Zufälle zulassen wird. Denn Orte für Komplexität, Diversität, Anonymität und Zufall sind essentiell für eine inspirierende, sich emanzipierende, vielfältige, tolerante und nicht zuletzt demokratische Stadtgesellschaft, da erst durch sie die Stadt zu dem wird, was unsere Städte ausmachen.

Auf jeden Fall sollte sich nach den Erkenntnissen dieses Abends die Stadt Zürich bewusst werden, noch mehr über den Datenschutz nachzudenken, Bewusstsein in der Bevölkerung dafür und Aufklärung darüber zu schaffen.

Oft nur eine Verpackung in Wörtern

Klar wurde, dass viele unterschiedliche Ideen und Lösungsvorschläge mit dem Titel «smart» geschmückt werden. Der Abend hat uns aber gezeigt, dass wir vorsichtiger damit umgehen sollten, was wir als «smart» bezeichnen, was als «digital» und was als «nachhaltig». Wenn ein Quartier z. B. ökologisch und ökonomisch dank digitaler Technologien sparsamer und effizienter ist, heisst das noch nicht, dass es wirklich nachhaltig ist, da vielleicht soziale Aspekte fehlen. Und indem soziale Bedürfnisse durch irgendwelche Apps gelöst werden, oder vermeintlich gelöst werden, macht man die Stadt noch nicht automatisch smarter.

Insgesamt brachte uns der Abend einige gute (konstruktive wie kritische) Inputs und tolle Ideen, aber nur wenig konkrete Lösungen. Zum Schluss blieb jedoch dank des letzten Vortrags die Zuversicht, dass wir Stadtbewohner*innen weiterhin im Zentrum und als Ausgangspunkt der Entwicklungen stehen werden und smarte Technologien dort eingesetzt werden, wo sie das Leben erleichtern oder Unmögliches möglich machen. Für Nextzürich war der Abend trotz offen gebliebener Fragen und den genannten kritischen Anmerkungen ein Erfolg, da er eine Diskussion zu genau solchen Fragen ermöglichte. Denn die Menschen machen die Stadt. Und die Menschen SIND smart und vernetzt – und das schon ganz schön lange.

Nächster Termin: Am 4. Juli mit: Barcamp: Smarte Politik durch smarte Partizipation?

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