«Ein Platz sollte…» – die Stadtverwaltung zwischen Zuhören und Austarieren

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Andrea Leuenberger, Projektleiterin im Tiefbauamt der Start Zürich, erklärte in der Reihe «Ganz viel Platz! Wie gelingen unsere Freiräume?», wie die Behörden bei der Planung von Stadträumen vorgehen.

Kommerzialisierung, Mediterranisierung, steigende Mobilität und eine Zunahme an Events. Neben der wachsenden Bevölkerung der Stadt Zürich seit den 1990er-Jahren sind es vor allem diese Trends, welche den Druck auf den öffentlichen Raum in der Stadt Zürich in den vergangenen Jahren verstärkt haben.

Regeln und Gebote nehmen zu, wie mit dem öffentlichen Stadtraum umzugehen ist und wie er genutzt wird. Gleichzeitig dient der Raum heute vielfältigeren Funktionen und Nutzer*innengruppen.

Diese neuen Bedürfnissen müsse man in der Planung berücksichtigen, meint die Projektleiterin im Tiefbauamt, Andrea Leuenberger. Die zentrale Aufgabe ihres Fachbereichs Stadtraum ist daher das bedürfnisorientierte Planen.

Was wird die Bevölkerung wollen?

Die studierte Landschaftsarchitektin mit einem Master in International Community Development gibt aber zu, dass diese Aufgabe von der Stadt nicht immer konsequent umgesetzt wird.

Das fängt damit an, überhaupt die Wünsche der Bevölkerung zu kennen. Ein Versuch des Tiefbauamtes zu mehr Grundlagen darüber zu gelangen, hiess ÖRBI. Das raumschiffartige Konstrukt sollte dazu dienen, die Bedürfnisse zum öffentlichen Raum direkt vor Ort von den Nutzer*innen abzuholen. Obwohl er extra für die Stadt Zürich angefertigt wurde, beendete ein Finanzierungsstopp nach vier Einsätzen das Projekt, und ÖRBI musste verkauft werden. Nun verrichtet er seine Dienste in Basel, wo man sich glücklich schätzt über das «Bedürfnis-Sammel-Ding».

Mobiler Bau zum Sammeln von Bedürfnissen
Die gelbe Kanone im Einsatz

 

ÖRBI war ein Projekt, um vor der markanten Umgestaltung eines Platzes, Bedürfnisse abzuholen. Was jedoch gemacht wird, ist die Qualität und Nutzung der Räume nach dem Umbau mittels Befragung zu messen.

Statt fragen, für Initiativen offen sein

Um zu mehr bedürfnisorientierter Planung zu gelangen, brauche es auch die Initiative von Privaten, meint Leuenberger. Projekte entstehen nicht nur, wenn die Stadt bestehende Infrastruktur sanieren muss oder Mängel im öffentlichen Raum entdeckt, sondern auch, wenn gute Ideen und Veränderungsvorschläge von der Bevölkerung an die Stadt herantragen werden.

Spannungsfelder in der konkreten Planung

Den Interessen und Bedürfnissen aller möglicher Nutzer*innen gerecht zu werden, ist ein Ding der schieren Unmöglichkeit. Die einen wollen eine möglichst grüne, die anderen eine möglichst urbane Stadt. Weitere mögen’s ruhig, wieder andere lebendig.

Die Anforderungen aus Sicht der Behörden sind: Stadträume sollen langlebig und robust, aber auch flexibel (um-)nutzbar sein. Einerseits ist Ordnung gewünscht, andererseits möchte man auch Vielfalt und Offenheit für spontane Aneignung.

Bei manchen Projekten kommt das Risiko hinzu, dass die Gestaltung zum Austragungsfeld politscher Positionen wird. Dies kann gut bei Stadträumen beobachtet werden, welche die Verwaltung als «international bedeutend» einstuft wie beispielsweise den Sechseläutenplatz.

Sechseläutenplatz Rendering
Wie sich die Stadtverwaltung den Platz im 2009 vorstellte

Drei Umgestaltungen der letzten Jahre

Sechseläutenplatz

Der neue Sechseläutenplatz gehört heute gemäss Umfragen zu einem der beliebtesten Plätze der Stadt Zürich. Auf der ehemaligen Kies-Brache bzw. Parkplatz finden sich heute Personen jeden Alters, Tourist*innen und Alteingesessene ein. Das Rezept: ein grosszügiger Platz, wenig Regeln und Offenheit für Aneignung. Umstritten ist aber noch immer, wie häufig der Platz kommerziell genutzt werden darf. 

Münsterhof

Der Bau des Parkhaus Opéra ermöglichte dank dem sogenannten «historischen Parkplatzkompromiss» Parkplätze am Bellevue und auf dem Münsterhof aufzuheben. Aber trotz partizipativem Planungsprozess sind heute nicht alle glücklich über den neuen autofreien «Kulturplatz» vor dem Fraumünster. Vor allem Gewerbetreibende stehen dem Rückbau von Parkplätzen oft kritisch gegenüber, da sie Geschäftseinbussen befürchten. Damit der Platz belebt wird und seiner Bezeichnung als „Kulturplatz“ gerecht wird, hat die Stadtverwaltung die IG Münsterhof mit der Bespielung des Platzes beauftragt.

Ansicht Münsterhof Richtung Paradeplatz
Noch als Parkplatz genutzt – der Münsterhof vorher

Weststrasse

An der Weststrasse hat sich seit dem Umbau zur Quartierstrasse der Autoverkehr um 80-90% reduziert. Mit den «flankierenden Massnahmen Westumfahrung» konnte die Aufenthaltsqualität des Brupbacherplaztes, des Bullingerplatzes und der Weststrasse für Fussgänger*innen und Fahrradfahrende enorm erhöht werden. Doch die Entwicklung hat auch eine Kehrseite. Die gestiegenen Mieten haben zu einem starken Bewohnerwechsel geführt, der so von der Stadt nicht beabsichtigt gewesen sei, erklärt Leuenberger. Sofern sie nicht selbst Eigentümerin von Liegenschaften ist, seien die Möglichkeiten der Stadt sehr beschränkt, sozialverträgliche Sanierungen zu fördern und somit die Gentrifizierung abzuschwächen.

Und wo besteht noch Potential für die Stadt?

Leuenberger sieht für den öffentlichen Raum auch Möglichkeiten bei Zwischennutzungen oder Konzepten wie dem «unfertigen Bauen» – das heisst, dass ein öffentlicher Platz nicht auf einen Schlag fertig gebaut, sondern je nach Nutzung und Bedürfnislage nachgerüstet wird. Zudem brauche es vor allem neue Wege, wie die Stadtverwaltung die Wünsche der Bewohner*innen effektiver abholen kann, damit bedürfnisorientiertes Planen besser funktioniere.

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