Dichte nicht nur rechnen, sondern gestalten

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Eine Doppelexkursion ans Stadtmodell Zürich und zur Forschung des Fachbereichs «Dencity»

Christine Seidler kennt das Stadtmodell Zürich wie ihre Westentasche, denn sie ist nicht nur Professorin für den Kompetenzbereich «Dencity» der Berner Fachhochschule (BFH), sondern auch Gemeinderätin in Zürich. So geniessen die Teilnehmenden der Exkursion einen tiefen Einblick in die städtische Entwicklung der letzten Jahrzehnte.

Für Christine Seidler hat vieles, von dem wir heute profitieren, seinen Ursprung in den 80ern, denn damals gab es so gut wie keine Strassen-Cafés oder betretbare öffentliche Räume. Es tut gut, sich immer wieder mal vor Augen zu halten, dass vieles seine Zeit braucht.

Christine Seidler, Raumplanungsprofessorin vor dem Stadtmodell an der Uraniastrasse
Christine Seidler, Raumplanungsprofessorin vor dem Stadtmodell an der Uraniastrasse

 

Heute ist Zürich Opfer des eigenen Erfolgs. Zwischen 1998 und 2008 Jahren sind mehr als 10’000 neue Wohnungen entstanden – ein politisches Ziel, das man sogar übertroffen hat. Ein Rundgang um das Modell untermauert dies eindrucksvoll, aber es stellt sich auch die Frage, zu welchem Preis und mit welcher Qualität. Selbst im Massstab 1: 1000 ragen beispielsweise in Affoltern einige neue Bauten weit über die umliegende Siedlung hinaus. Solche Massstabssprünge sieht man häufiger – auch in den Arealen, in denen blaue Styrodur-Würfel inmitten der hölzernen Stadtlandschaft anzeigen, dass hier gerade geplant wird. Wie geht man mit diesen Massstäben um, wie kann man solche Entwicklungen den Nachbarn erklären? Ist es nicht eigentlich Aufgabe des Städtebaus, die Bausteine als Ganzes zu denken und den Freiraum zu integrieren?

Neues am Rande von Zürich – in Friesenberg

Doch es gibt auch andere Beispiele, wie Christine Siedler am Friesenberg erläutert. Dort zeigen weisse Klötzchen an, dass neue Gebäude inmitten der Familienheim-Genossenschaft Zürich mit zumeist älteren Reihenhäuschen geplant oder im Bau sind. Mit dem neuen Quartierzentrum Friesenberg werden zusätzliche Räume entstehen, die auch dazu genutzt werden können, dass Bewohner*innen der Genossenschaft ihre Wohnung wechseln können. Andere kriegen dadurch die Chance, in ältere und billigere Wohnungen zu ziehen. Solche schrittweisen Verdichtungen, die genügend Zeit für Filterprozesse lassen, könnten ein Element einer sozial nachhaltigen Verdichtung sein.


Über Dencity

In der Berner Fachhochschule wurde 2015 der Kompetenzbereich «Dencity» gegründet, der sich «als Plattform für attraktive Siedlungsentwicklung versteht und den Fokus auf die Entwicklung von nachhaltigen Konzepten und Strategien setzt.» Interessant dabei ist die Vernetzung von urbaner Entwicklung und Mobilität, die vielerorts noch getrennt voneinander betrachtet werden. Ein zentraler Forschungsaspekt ist daher die Erforschung von Wirkungszusammenhängen und die Frage nach den Qualitäten von Urbanität.


Dichte nicht nur rechnen

In Langenthal hat «Dencity» mit Hilfe von Modellierungsprozessen anhand verschiedener Parameter unterschiedliche Möglichkeiten der Veränderung aufzeigen können – und zwar quantitativ als auch visuell. Dies ist ein wesentliches Element, um mit Kommunalpolitiker*innen, Planer*innen und der Bevölkerung diskutieren zu können. Mit diesen computergenerierten Verdichtungszenarien anhand von verschiedenen Änderungen der BZO konnte man aufzeigen, «was passiert, wenn man schraubt.» Doch das Beispiel Langenthal zeigt auch, dass eine reine Skalierung bei weitem nicht ausreicht, denn die Qualitäten fehlen.

Vortragsslide zum Thema Verdichtung in Langenthal
Wie lässt sich Langenthal verdichten?

 

Urbane Qualitäten

Aber was ist denn nun urbane Qualität? Damit beschäftigte sich bis 2015 auch das Nationale Forschungsprogramm NFP 65 mit bekannten Forschenden.

Festgestellt wurden sieben urbane Qualitäten:

  1. Zentralität
  2. Zugänglichkeit
  3. Brauchbarkeit
  4. Adaptierbarkeit
  5. Aneignung
  6. Diversität
  7. Interaktion

Mit diesen Qualitäten hat sich Dencity eingehend beschäftigt und stellt dazu Fragen: Was heisst beispielsweise «Adaptierbarkeit»? Was ist in 25 Jahren noch umnutzbar bzw. umbaubar? Oder bei der Diversität: Wie sieht es mit der Nutzungs-, sozialer und Eigentumsdiversität aus? Deswegen, weil Strukturen des Grundeigentums das Gesicht einer Stadt mitbestimmen.

Die Rolle der Identität einer Stadt

Und Dencity geht noch weiter. Das Institut möchte eine Definition für «Identität» finden, denn die heutige Globalisierung zerstört den Genius loci. Was braucht es, um zeitgemässe Identitäten zu definieren? «Identität» muss jeder Person dienen – aber wie? Was bedeuten Nachbarschaften für eine lebenswerte Stadt? Welche Auswirkungen haben Prozesse der Vereinsamung, die schon heute sichtbar sind? Wie kann der Gemeingebrauch gestärkt werden, welche Gegenstände und Räume kann man teilen, und wie kann das Reparieren dazu beitragen, dass sich städtische Kreisläufe wieder schliessen?

Zentral sind nach Christine Siedler geeignete Beteiligungsprozesse, denn Planer*innen planen im Auftrag der Bedürfnisse von anderen und nicht umgekehrt. Wie also kann man dynamische Planungsprozesse gestalten, das Ungeplante planen und Modelle entwickeln, die nicht festlegen, sondern ermöglichen?

Klar ist:

  • Stadtplanung ist Gesellschaftspolitik
  • Stadtplanung ist immer ortsabhängig
  • Gebauter Raum und Freiraum müssen gemeinsam gedacht werden
  • Lebensqualität ist zu definieren

Dichte transdisziplinär erforschen und verständlich vermitteln

Die Transdisziplinarität – also die Zusammenarbeit über einzelne Disziplingrenzen hinaus – wird entscheidend sein, wenn es darum geht, die zentralen Wirkungszusammenhänge der Verdichtungsprozesse zu entdecken und zu erforschen. Doch noch viel wichtiger wird es sein, Verdichtung zu vermitteln und dabei zuzuhören – denn wir wissen nicht, wie Dichte und Verdichtung wahrgenommen werden.

Was sind die Chancen von einem Zuwachs von 80’000 Einwohnern? Welche Vorteile hat Dichte? Welche Angebote werden möglich? Und schliesslich: Welche Möglichkeiten haben wir, mit den Mehrwerten etwas für die Allgemeinheit zu tun?

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